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Coverabbildung Elisabeth Amandi Yngra Wieland    Leseprobe "Elisabeth Amandi - Kreativität macht glücklich"

von Ynga Wieland

Taschenbuch, 320 Seiten, ISBN: 978-3-96050-123-7

INHALT

Ouvertüre - Einleitung
Sinfonie
Chronik

 

Ouvertüre – Einleitung

»Musik muss das Herz berühren!«

Elisabeth Amandi steht an ihrer Marimba. Im Rahmen des »Kultursommers Nordhessen« gibt sie ein Konzert in der Lagerhalle des Furore Musikverlags. Sie spielt eine zart verträumte Melodie, hingebungsvoll, völlig in ihr Marimbaspiel versunken. In ihrem türkisfarbenen, mit Pailletten besetzten Kleid erscheint sie wie eine Märchenprinzessin, die irrtümlich zwischen Regalen und Notenpaketen gelandet ist.

Das nächste Musikstück stammt aus Elisabeths eigener Komposition, »Ritmo Vito«. Karibische Rhythmen voller Lebenslust lassen die Füße der Zuhörer zucken, als wollten sie jeden Moment aufspringen und zu tanzen beginnen. Die Musik aus der Feder der Marimbavirtuosin reißt die Zuhörer mit. Elisabeth Amandi überträgt ihr überschäumendes Temperament in die Musik, ihre Kreativität fließt in Melodien und Töne, ein geschmeidiger Tanz an der Marimba entsteht. Zwischen den Stücken fasziniert Elisabeth die Zuhörer durch ihre anregende Moderation.

»Ich denke, dass wir jetzt alle den gleichen Pulsschlag haben«, verabschiedet sie sich von ihrem begeisterten Publikum.

Als alle gegangen sind, sitzt Elisabeth in den leeren Stuhlreihen, lauscht den Klängen in ihrem Inneren nach.

Sinfonie

Präludium – Vorspiel

Am 16. März 1945 erbebte die erzkatholische Stadt Würzburg unter den Bombenangriffen der Alliierten. Verängstigt saßen Maria Müller und Anna Völkel in ihrer Wohnung im Stadtteil Sanderau, als die Sirenen zu heulen begannen. Die vierzehnjährige Gertrud lag apathisch mit hohem Fieber im Bett. Männer gab es nicht mehr in der Familie, die waren längst gestorben. Die Gläser im blank polierten Buffet des Frauenhaushalts klirrten durch die Wucht der Bombeneinschläge. Neben dem Kruzifix an der Wand bildete sich ein Riss. Einer der Wandteller aus Porzellan fiel herunter, zerbrach in unzählige Scherben.

»Gertrud, steh auf, wir müssen in den Luftschutzkeller«, schrie Anna.

Draußen kreischten die Bomben, Maria stand zitternd vor Angst im Wohnzimmer, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Anna griff nach der Mappe mit den Familiendokumenten, die sie seit Kriegsausbruch immer bereitliegen hatte. Gertrud quälte sich aus dem Bett, zog sich eine Strickjacke über und schleppte sich in mit den anderen hinunter in den Schutzraum. Monoton beteten die Frauen, flehten den Herrgott an um Schutz und Hilfe.

»Unsere schöne Wohnung«, schluchzte Anna Völkel. »Hoffentlich verschont uns der liebe Gott. Wenn wir das überstehen, lasse ich eine Messe lesen.«

Wehmütig dachte sie an die Erbstücke ihrer Familie, den Perserteppich, die Standuhr aus Kirschholz, das gute Meißner Porzellan. Gertrud war an diesem Tag alles egal, sie empfand keine Angst, wollte nur zurück ins Bett. Hitzeschübe wechselten sich ab mit Schüttelfrost.

Nachdem der Angriff endlich vorbei war, verließen die drei Frauen eilig den Luftschutzkeller.

»Um Gottes willen!«, stöhnte Anna Völkel. »Schaut doch!«

Entsetzt starrten sie auf das Haus. Die Fenster ihrer Wohnung waren zerborsten, Flammen loderten heraus, nichts war mehr zu retten. In dieser Nacht brannte ganz Würzburg, tausende starben oder verloren ihr Zuhause, ihren ganzen Besitz, so auch die Vorfahren von Elisabeth Amandi.

»Gertrud, unser Leiterwagen steht im Hofeingang, schnell, hol ihn. Wir müssen aus der Stadt heraus!«

Gertrud lief los und folgte der Anweisung ihrer Mutter.

»Hilf der Großmutter in den Leiterwagen, wir müssen sie ziehen.«

Anna drückte Großmutter Maria die Dokumente in die zitternden Finger und warf einen letzten Blick auf ihre brennende Wohnung, in der sich alles befand, was sie besessen und geliebt hatten.

»Wir müssen uns zur Verwandtschaft auf den Bauernhof nach Amorbach durchschlagen, vielleicht nehmen sie uns auf.«

Die Frauen wanderten durch Kälte und Dunkelheit, bahnten sich ihren Weg durch Bombenkrater, Schutt, überall lagen Verletzte und Tote. Dichter Rauch hing über der Stadt. Über vierzehn Stunden waren sie unterwegs, Angst und Verzweiflung begleiteten sie mit jedem Schritt. Die Verwandtschaft war nicht erfreut, drei zusätzliche Mäuler stopfen zu müssen, aber sie durften bleiben.

Im Mai 1945 war der Krieg beendet. Die Menschen bemühten sich, ein geregeltes Alltagsleben aufzunehmen, auch Familie Völkel versuchte, zurück zur Normalität zu finden.

»Gertrud muss auf ein Gymnasium. Sie soll Abitur machen und einen anständigen Beruf lernen!«, beschloss ihre Mutter. »Wir bitten meine Schwester Franziska um Hilfe.«

Franziska Müller war Volksschullehrerin in Kitzingen, einer Kleinstadt achtzig Kilometer entfernt, eine ehrbare, durch und durch religiöse Frau, die sogar eine Zeit lang im Kloster gewesen war. Durch ihre guten Beziehungen zum Herrn Pfarrer gelang es ihr, eine Kellerwohnung zu organisieren, in der Maria, Anna und Gertrud unterkamen. Ein Bett für jeden, ein Tisch, drei Stühle, ein Spind: Viel mehr Einrichtung gab es nicht. Jeden Tag wurde gebetet, jeden Sonntag gingen sie zur Kirche, die Rituale gaben den älteren Frauen Kraft. Gertrud hätte liebend gerne darauf verzichtet. Ihre Lichtblicke waren die Klavierstunden bei Fräulein Braun, der besten Klavierlehrerin am Ort.

»Nach dem Abitur gehe ich auf das Konservatorium nach Würzburg und studiere Klavier!«, schwärmte Gertrud nach einer Übungsstunde mit leuchtenden Augen.

Ihr achtzehnter Geburtstag war gerade vorbei, die Stimmung in der drangvollen Enge der Kellerwohnung für sie kaum noch auszuhalten. Jeden Tag musste sie sich Vorträge über ein vorbildliches, christliches Leben anhören. Sie hatte die Mahnungen mehr als satt, auf keinen Fall gegen eines der zehn Gebote zu verstoßen, auf keinen Fall eine Sünde zu begehen. Gertrud fühlte sich einsam, jede Nacht weinte sie sich in den Schlaf, vermisste schmerzlich ihre Freundinnen aus Würzburg. Ständig suchte das junge Mädchen einen Ausweg aus der Misere. Die einzige Lösung, die ihr plausibel erschien, war ein Ehemann. Dann wäre sie frei!

Die Faschingszeit nahte, unter einem Vorwand ging Gertrud zum Faschingsball. Ihre Augen streiften über die an­wesen­den Männer. Sie entdeckte einen blonden, gut aus­sehenden Mann. Er schien alleine zu sein. Gertrud warf ihm ein strahlendes Lächeln zu – es wirkte. Bald tanzte sie in enger Umarmung mit dem Unbekannten, ihrem Traum­prinzen, der sie aus ihrem Elend befreien sollte. Nach wenigen Tänzen war es um sie geschehen, Hals über Kopf hatte sie sich in den Mann verliebt. Fünfundzwanzig Jahre war er alt, charmant und ein fantastischer Tänzer. Auf der Durch­reise sei er, sagte er zu Gertrud. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie aufs Ganze gehen musste, jetzt sofort. Bekäme sie ein Kind von ihm, müsste er sie heiraten, dann konnte sie endlich diesen ständigen Moralpredigten der Mutter und Großmutter entfliehen! Sie ließ sich gerne von ihm nach draußen mitnehmen, in die Garderobe. Leiden­schaftlich erwiderte sie seine Küsse, gab seinem Begehren nach, hinter Mänteln und Hüten, stehend an eine kalte Wand gepresst. Alles hätte sie getan, wenn er sie nur heiratete.

Genau das versprach der Traumprinz. Bald würde er wiederkommen, sie holen und zu seiner Frau machen. Glück­selig ging Gertrud nach Hause. Jetzt würde alles anders werden. Die Rechnung ging jedoch nur zur Hälfte für sie auf. Ihr Geliebter kam nicht zurück, ließ nichts mehr von sich hören.

»Mutter, ich muss dir etwas sagen.« Gertrud weinte so sehr, dass sie kaum sprechen konnte. »Ich bin schwanger.«

Die Großmutter griff sich ans Herz und sank in den Sessel zurück, die Mutter schrie auf.

»Das ist eine Tragödie! Wie konntest du uns so etwas antun! Alles haben wir getan, damit du ein anständiges Mädchen wirst, und nun das! Versündigt hast du dich, welche Blamage!«

Das Geständnis Gertruds wirkte, als ob erneut eine Bombe das Leben der Frauen zerstören würde.

»Ein uneheliches Kind ist das größte Desaster, das einem Mädchen in dieser Zeit passieren kann«, tobte Tante Franziska. »Ich bin schließlich eine Respektsperson im Ort. Diese Schande darf auf keinen Fall öffentlich werden! Es wäre das gesellschaftliche Aus, würden die Leute im Ort etwas davon erfahren.«

Mit dem Kind im Bauch legte Gertrud im Mai 1950 das Abitur ab. Ihre Kleidung wurde sorgfältig drapiert, damit auf keinen Fall etwas zu sehen war.

»Du gehst in eine Klinik nach Bamberg und arbeitest dort gegen Kost und Logis bis zur Niederkunft als Dienstmagd. Das wird dir deine Verderbtheit schon austreiben.«

Gertrud hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren. All ihre Träume waren zerbrochen. Kaum hatte sie das Abiturzeugnis in der Tasche, wurde sie in den Zug nach Bamberg verfrachtet.

Zum ersten Mal war sie weit weg von ihrer Familie. Tag für Tag schuftete sie, die ganze Schwangerschaft hindurch. Der Mann, dem sich das naive Mädchen voller Liebe und Hoffnung hingegeben hatte, erfuhr nie, dass er ein Kind gezeugt hatte.

Pianissimo – sehr leise

Am 21. Oktober 1950 brachte Gertrud ihr Töchterchen zur Welt. Elisabeth nannte sie es, nach Prinzessin Elisabeth von England, ihrem heimlichen Vorbild. Bereits zwei Tage nach der Geburt bekam die kleine Elisabeth Maria Ursula Völkel das Stigma des unehelichen Kindes zu spüren.

»Um diesen Bankert wäre es nicht schade gewesen, wenn der gestorben wäre«, sagte der Arzt kalt zu Gertrud.

Elisabeths Nabelschnur war nicht korrekt abgebunden worden und der Säugling wäre um ein Haar verblutet.

Ganze sechs Wochen waren dem Baby bei seiner Mutter vergönnt. Danach sollte der Schandfleck in einem von Non­nen geleiteten Kinderheim in Bamberg versteckt werden, das hatten Mutter, Großmutter und Tante beschlossen. Gertrud würde ihr Kind besuchen können. Sechs Wochen in denen Gertrud ihr Lisele nicht stillte, es niemals zärtlich in den Armen wiegte, wenn es schrie. Unter keinen Umständen wollte sie das Kind an Liebe und Umarmungen gewöhnen. In Kitzingen durfte niemand etwas von dem Fehltritt er­fahren. Gertrud brach es beinahe das Herz, wenn der Säug­ling bis zur Erschöpfung in seinem Bettchen brüllte, ohne dass sie ihn streicheln, berühren konnte.

Gertrud kehrte ebenfalls nicht mehr in die Kleinstadt zurück – sie zog ins weit entfernte Nürnberg. Eine Ausbildung zur Kontoristin musste sie absolvieren, etwas Anständiges eben. Den Plan, Pianistin zu werden, hatte Gertrud längst begraben müssen, denn sie musste Geld für sich und ihren Fehltritt verdienen. Gertrud lebte in einem Mädchenwohnheim, fand eine Freundin, aber diese behandelte das Leben freundlicher. Sie heiratete bald und wanderte nach Australien aus. Gertrud betäubte ihre Einsamkeit und ihren Kummer, indem sie oft ins Theater ging, wenigstens diese Liebe blieb ihr.

Ab ihrer siebten Lebenswoche lebte die kleine Elisabeth im Kinderheim in Bamberg. Neunzehn Säuglinge lagen in einem Saal. Eines der Kinder schrie immer, steckte die anderen unweigerlich mit seinem Gebrüll an, was Elisabeth für ihr ganzes Leben prägen sollte. Das Trauma der Säuglingszeit brannte sich damals für immer in ihre Seele ein. Zwei Nonnen waren für alle Säuglinge zuständig. Es blieb keine Zeit, ein Kind in die Arme zu nehmen, es zärtlich zu wiegen, ihm die Nähe und Wärme zu geben, die gerade diese verlassenen Menschlein so dringend gebraucht hätten.

Die Nonnen versorgten Elisabeth mit dem Nötigsten, mehr war nicht möglich und auch nicht gewollt. Die schutzlosen Kinder mussten heranwachsen, ohne Mutterliebe und körperliche Nähe zu erleben. Als Elisabeth begann, sich aufzurichten, wurde sie in einen Laufstall gesetzt und festgebunden; schreiend wehrte sie sich gegen diese Behandlung.

Neben dem Säuglingssaal gab es zwei weitere Säle, einen für die älteren Buben, den anderen für die älteren Mädchen. Sobald Elisabeth stehen und laufen konnte, kam sie in den Saal zu den größeren Mädchen. Die ersten sechs Jahre ihres Lebens war Elisabeth nie allein, immer war sie in einem großen Raum zusammen mit tobenden und kreischenden Kindern eingesperrt. Für die Kleine fühlte es sich an, als würde sie in einem Kindergefängnis ohne Gitterstäbe vor den Fenstern leben. Oft nahm sie ein Spielzeug und verkroch sich damit in eine Ecke, spielte dort alleine, voller Angst, dass ihr ein anderes Kind das Spielzeug wegreißen könnte. Die goldblonde Elisabeth war gutmütig – immer wieder erlebte sie, dass eine Nonne ihr ein Spielzeug wegnahm und es einem schreienden Kind gab. Hin und wieder wurde sie grundlos von den Nonnen mit Schlägen für Schabernack bestraft, den andere Kinder angestellt hatten.

Je älter Elisabeth wurde, desto mehr litt sie unter der Ungerechtigkeit, aber sie brachte es nicht übers Herz, ein anderes Kind anzuschwärzen. Eines Tages wurde sie ins Krankenhaus gebracht, sie hatte Scharlach. Mit einigen anderen Kindern ging Lisele in den Waschraum. Vor dem Spiegel lagen Tuben. Das muss Creme sein, dachte das Kind und rieb sich die vermeintliche Salbe ins Gesicht. Aus dem Spiegel blickte sie ein weißes Clownsgesicht an. Sie lachte vergnügt mit den anderen, bis die Schwester hereinkam.

»Was fällt dir ein, mit der Zahnpasta zu spielen!«, schrie sie und schlug Elisabeth.

Die Kleine war entsetzt, es war doch nur Spaß gewesen. Die Schläge aus heiterem Himmel sollte sie nie vergessen.

Im Kinderheim herrschten merkwürdige Gepflogenheiten. Im Speiseraum mussten sich die Kinder aufstellen, dann kam eine der Nonnen mit einer Schüssel Endiviensalat. Sie ging zum ersten Kind, griff mit der Hand in die Schüssel, nahm einen Batzen Salat und stopfte ihn in den offenen Mund des Kindes. So ging sie von Kind zu Kind.

Und so lebte Elisabeth einzig für die kurze Zeit, wenn ihre Mutter jede zweite Woche zu Besuch kam. Manchmal kam auch die Großmutter.

An Elisabeths fünftem Geburtstag geschah etwas Besonderes.

»Schau, Lisele, ich habe dir einen Marmorkuchen und Tee mit Milch mitgebracht. Und hier ist dein Geschenk.«

Ungläubig griff die Kleine nach dem Päckchen. Sie riss das Papier auf und fand ein Kleid, oben rot, darunter ein breiter Streifen in Blau und ein grauer Streifen. Sie bestand darauf, es sofort anzuziehen. Jauchzend drehte sich das Kind, der Rock flog um ihre Beine und sie schrie und lachte vor Glück. Es war, als ob jemand wie im Märchen ein Füllhorn über ihr ausgeschüttet hätte. Mit Tränen in den Augen sah Elisabeth den beiden Frauen nach, als der Besuch zu Ende war.

»Mutti, nimm mich doch mit«, rief sie hinterher, während Tränen über ihr Gesicht rannen.

Die ganze Nacht weinte sie, heimlich, unter der Bettdecke vergraben. Keiner durfte wissen, wie unglücklich sie sich in dem Kindergefängnis fühlte, denn sogar Weinen wurde mit Schlägen und Schimpfen bestraft.

Elisabeth kannte keine Feste, außer dem Nikolaustag – und sie kannte auch keine Männer. Schluchzend rannte sie davon, als eine riesige unheimliche Gestalt mit einem langen Bart und einer dröhnenden Stimme plötzlich in den Saal kam. Schwester Lakopia, die sie »Mama« nannte, lief hinterher, um sie zu trösten. Die gute Nonne war die einzige, die mit dem eigenwilligen Kind zurechtkam, das ganz anders war als die Kinder aus zerrütteten Familien oder von suchtkranken Müttern.

Elisabeth musste im Heim lernen, dass sie nur zu etwas kam, wenn sie lauter oder wenigstens ebenso laut wie die anderen schrie. Schon damals lehnte sie sich auf gegen Regeln, die für sie keinen Sinn ergaben, wenn sie sich unterordnen musste, ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse. Schwester Lakopia war die einzige, die es mit Liebe und Verständnis beschenkte. Das Kind spürte, dass etwas in ihm schlummerte, das geweckt werden wollte.

»Mama, mir ist langweilig«, sagte Elisabeth oft zu der Nonne.

Piano – Leise
 

Elisabeths sechster Geburtstag stellte einen Wendepunkt in ihrem Leben dar. Das Kinderheim beherbergte ausschließlich Kinder bis zu sechs Jahren, also beschlossen Anna Völkel, Gertrud und Tante Franziska, inzwischen pensioniert, nach dem Tod der Uroma 1955 nach Würzburg zurückzuziehen in den Stadtteil, in dem sie früher gelebt hatten: Sanderau. Sie fanden eine Vierzimmerwohnung mit Kohleöfen in einem Neubau. In der »Großstadt« Würzburg kannte keiner die Zusammenhänge in der Familie Völkel – und so sollte es auch bleiben. Endlich durfte Lisele zu ihrer Familie. Elisabeth fühlte sich wie in einem Traum. Aufgeregt trippelte sie an der Hand ihrer Mutter durch die Wohnung.

»Schau, das ist das Zimmer von der Oma!«

Andächtig schaute Elisabeth auf die Nähmaschine, auf der die Oma viele Kleidungsstücke für sie nähen würde.

»Hier wohnt Tante Franziska.«

Elisabeth zögerte. Die mürrische Fremde flößte ihr Respekt ein. Ihr Blick wanderte zur Kommode mit der Marmorplatte, darauf standen eine Waschschüssel und ein Wasserkrug. Elisabeth verließ schnell das Zimmer, um den Rest der Wohnung anzusehen. Ein Wohnzimmer, eine Küche und ein Badezimmer, sogar mit einer Badewanne darin! Dann führte ihre Mutter sie durch einen Flur, öffnete eine Tür.

»Das ist unser Zimmer.«

Liseles Welt wurde mit einem Male hell, als hätte sie eine gute Fee mit dem Zauberstab berührt. Im Schlafzimmer stand ein Schrank aus blank poliertem Holz und eine Kommode mit einem dreiflügeligen Spiegel, richtig elegant! Elisabeth konnte es nicht glauben – sie durfte im riesigen Doppelbett schlafen, neben ihrer Mutti, ein völlig neues Glücksgefühl beim Einschlafen. So musste sich eine Prinzessin fühlen. Endlich keine quengelnden Kinder mehr um sie herum!

Liebevoll sang Gertrud ihrem Lisele mit zarter Stimme Schlaflieder vor, oft aus der Oper »Hänsel und Gretel«.

Der Blondschopf saugte die tägliche Nähe und liebevolle Wärme auf wie ein Schwamm, sie hatte viel nachzuholen an Liebe und Zuwendung. Die Zeit im Kinderheim war schnell vergessen.

»Lass uns bald der lieben Schwester Lakopia eine Freude machen und sie besuchen«, sagte die Oma eines Tages.

»Nein, ich will nicht, da will ich nicht hin, ich gehe nicht mit!«, brüllte Lisele, weigerte sich mit Händen und Füßen. Die Angst, dorthin zurückzumüssen, war übermächtig.

Anna Völkel, Liseles »Omale«, war zu dieser Zeit eine vom Leben verbitterte Frau. Sie entstammte einer wohlhabenden Familie, erlebte als verarmte Witwe durch den Fehltritt ihrer Tochter unverschuldet das soziale Aus. Oft dachte sie voller Kummer daran, dass 1935 ihr heiß ersehnter Sohn mit nur neun Monaten an einer Infektion gestorben war. Ambivalenz beherrschte die Gefühle der Oma ihrem Lisele gegenüber. Sie liebte das Temperamentsbündel heiß und innig, aber die ihr allgegenwärtigen Glaubenssätze des vom Katholizismus geprägten Bürgertums machte es ihr unmöglich, sich offen zu Lisele zu bekennen. Dieser Zwiespalt machte Anna Völkel zu schaffen. Die Enkelin konnte schließlich nichts dafür, dass sie nach der damaligen gesellschaftlichen Meinung als lebender Schandfleck der Familie galt.

In der Würzburger Wohnung bei ihrer Familie begann für Elisabeth das wahre Leben. Das aufgeweckte Mädchen blieb zu Hause in der Obhut von Großmutter und Großtante, die Familie lebte von der kleine Witwenrente und der Pension. Mutti Gertrud, eine hübsche Frau mit kurzen dunklen Locken, arbeitete als Kontoristin. Sie verdiente den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter. Ihr Stolz ließ es nicht zu, dem Staat auf der Tasche zu liegen, sie wollte nicht auf die Sozialfürsorge angewiesen sein.

Die Großmutter, eine untersetzte, resolute Frau, nahm die Rolle der Mutter in Liseles kleiner Familie ein. Von ihr holte sie sich Küsschen und Umarmungen, zu ihr kroch sie nachts ins Bett und wärmte sich an ihrem dicken warmen Bauch. Gertrud übte die Vaterrolle aus, ging arbeiten, kam oft müde nach einem langen Tag heim. Von Mutti wurde Lisele nie geküsst, ihr ganzes Leben lang nicht.

Für Lisele war die Welt in Ordnung. Sie hatte, was sie brauchte, sie fühlte sich glücklich und geborgen bei den drei Frauen. Die streng katholische Familie ging jeden Sonntag zur Kirche, der Glaube war allgegenwärtig. Lisele fand die Maiandachten spannend, die feierlichen Zeremonien der Messe begeisterten sie über alle Maßen.

Zuhause hörte Oma viel Radio, etwas völlig Neues für ihre Enkelin, die Musik verzückte sie durch und durch. Sobald rhythmische Musik erklang, tanzte Lisele voller Hingabe in der Küche, wackelte mit dem ganzen Körper, am schwungvollsten zu ihrem Lieblingslied »Marina«.

»Das Kind gehört ins Ballett«, bestimmte Oma eines Tages. Gesagt, getan. Oma brachte ihr Lisele in die nahe gelegene Ballettschule, dort schauten sie einer Trainingsstunde für Vierjährige zu.

»Das sind Babys«, sagte das sechsjährige Lisele und weigerte sich kategorisch, in die Ballettschule zu gehen.

Im September 1957 wurde Elisabeth eingeschult und ihr Leben nahm eine neue Wendung. Ihre Schulfreundin Ricarda schwärmte ihr täglich vom Ballettunterricht vor. Elisabeth wurde neugierig und ging zu einem Probetraining mit Mädchen ihres Alters – der Funke sprang sofort über.

»Das will ich machen, Mutti, bitte lasst mich wieder dahin gehen!«

»Wir müssen sparsam mit unserem Geld umgehen, eigentlich will ich, dass du Klavierunterricht bekommst«, entgegnet Elisabeths Mutter. Musische Bildung gehört zum Niveau der Familie, ein Klavier stand ohnehin im Wohnzimmer. »Du musst dich entscheiden, für beides reicht das Geld nicht.«

»Ich will auf jeden Fall ins Ballett«, beschloss Elisabeth. Das Temperamentsbündel brauchte die Bewegung zur Musik wie Luft zum Atmen.

Sehr rational beschlossen Mutter und Oma, dass Gertrud ihr den in ihren Augen wichtigen Klavierunterricht erteilen würde, jede Woche zur selben Zeit mit präzise geführtem Übungsheft.

Das Klavierspiel war für Lisele Nebensache, ihr Kinderherz schlug einzig und allein für das Ballett. Die Leiterin der Ballettschule inspirierte die siebenjährige Tanzmaus. Jedes Jahr veranstaltete man Kinderfaschingsbälle in Würzburg, sogar ein Kinderprinzenpaar wurde gekrönt. Lisele wäre für ihr Leben gerne die Prinzessin geworden, schaffte es aber lediglich zum Pagen. Die Volksschule lief nebenher, erstaunlich gut war Elisabeth im Rechnen. Daheim spielte sie hingebungsvoll mit ihren Puppen Helga, Monika und der Babypuppe Karlheinz. Sie zog die Puppen aus, kleidete sie neu an, frisierte sie, schnitt Helga die Haare ab - zum Entsetzen von Oma.

Lisele war ein ungewöhnlich wildes Mädchen, am liebsten flitzte sie mit ihren Rollschuhen auf dem Kirchplatz herum. Das ungestüme Kind liebte es zum Leidwesen der Mitbewohner, die Einfahrt auf den eisernen Rollen in den Haushof hinunter zu rasen, Tempo war Glück pur für die Kleine! Stürze machten ihr nichts aus, das gehörte dazu. Lisele hatte außerdem ihren heiß geliebten Holzroller, der schneller fuhr als die teuren Luftroller der reichen Kinder. Kein Wölkchen am Himmel trübte dieses Kinderglück, die Erinnerung an die einsame Zeit im Heim war wie weggepustet, gelöscht aus dem Gedächtnis. Dass ihre Familie arm war, bemerkte Elisabeth nicht. Die einfache Kleidung war unwichtig, Hauptsache sie konnte tanzen, tanzen und nochmals tanzen!

Im zweiten Jahr durfte Lisele als Schneeflöckchen beim Kinderfasching auftreten. Als sie eines Morgens aufwachte, fühlte sie sich schlecht.

»Oma, ich habe überall rote Flecken, mir ist heiß!«

»Kind, du hast die Masern, du musst im Bett bleiben.«

Für Elisabeth brach eine Welt zusammen, ihr eiserner Wille erwachte. Trotzdem sie vier Wochen nicht proben durfte, tanzte die Siebenjährige die Aufführung mit und entwickelte ihr Improvisationstalent. Alle Schneeflöckchen knieten am Bühnenrand und schwangen die Arme, Lisele wedelte enthusiastisch vor sich hin. Plötzlich waren alle Schneeflöckchen weg. Verblüfft schaute sie sich um, sprang auf und rannte zu den anderen, die längst nach hinten getrippelt waren. Erster Szenenapplaus für ihr spontanes Solo!

In der Ballettschule fing jede Stunde gleich an, plié, tendu, rond de jambe, jeté. Battements hasste das Ballettkind. Wenn diese Übung an der Reihe war, musste Lisele regelmäßig zur Toilette. Schon früh begann sie mit Spitzentanz, eine Qual für die kleinen Füße. Die Zehen bluteten, aber Lisele war hart im Nehmen. Das wilde Mädchen unterwarf sich der ei­ser­nen Disziplin des Balletts, lernte Pünktlichkeit, Zuver­lässigkeit, war eifrig bei der Sache, ertrug widerspruchslos heftige Kritik, mit der nicht gespart wurde. Im Ballett ging es immer noch höher, weiter, weicher, schneller, perfekter! Elisabeth ging auf in der wunderschönen Musik, zu der sie tanzte – Tschaikowsky, Delibes, Johann Strauß Sohn, Twist, Cha Cha Cha, daheim Schlager von Gitte und Wagneropern aus dem Radio.

Gertrud nahm ihre Tochter mit ins Theater und ins Kino. Der Ballettfilm »Die roten Schuhe« war der erste Kinofilm, den sie sah, danach einen über das Bolschoi-Ballett und die herzzerreißende West-Side-Story von Leonard Bernstein. Neben dem Klavierspiel lernte Elisabeth mühelos Blockflöte.

»Im Singen habe ich nur eine Zwei bekommen«, sagte Elisabeth zu Tode betrübt. »Ich treffe die Töne nicht richtig, sagt die Lehrerin. Ich bin einfach nicht gut in Musik.«

Lisele war ein unglaublich willensstarkes Kind. Die drei Frauen hatten alle Mühe, das Energiebündel zu bändigen. Elisabeths Wutausbrüche, eine Hinterlassenschaft des Kinderheims, zerrten an den Nerven von Oma und Tante, oft waren sie mit dem Mädchen überfordert.

Eines Tages, Elisabeth brüllte wie am Spieß, weil sie ihren Willen nicht bekam, klingelte es Sturm an der Tür. Die Nachbarin aus dem ersten Stock stand da, weil sie befürchtete, das Kind würde verprügelt werden. Ansonsten verlief das Leben für die Familie recht friedlich.

1960 stand für Elisabeth die Erstkommunion an. Das Mädchen musste zum ersten Mal zur Beichte gehen. Voller Angst schlich Lisele in den Beichtstuhl. Würde sie bestraft werden? Würde sie sich danach rein und geläutert fühlen? Mit zitternder Stimme beichtete sie ihre kindlichen Sünden wie Lügen, Unfolgsamkeit, Schreien, die vermeintlichen Vergehen eines braven Mädchens.

»Elisabeth, du musst deiner Mutter und Großmutter immer gehorchen. Deine Sünden seien dir vergeben, aber um wirklich sündenfrei zu sein, musst du fünf Vaterunser beten. Knie nieder.«

Elisabeth betete voller Inbrunst, wartete sehnsüchtig auf das Wunder der Reinigung. Sie lauschte in sich hinein, doch nichts geschah. Sie fühlte sich innerlich genauso schmutzig wie vor dem Gebet. Tief enttäuscht trottete sie nach Hause.

Am Tag der Erstkommunion stand Elisabeth zum ersten Mal in ihrem Leben im Mittelpunkt. Oma hatte ihr ein traumschönes weißes Kleid aus Satin und Spitze genäht, dazu trug die kleine Braut Gottes eine blütenweiße Strumpfhose, weiße Lederschuhe, ein weißes Ledertäschchen, weiße Spitzenhandschuhe und einen weißen Haarreif mit Stoffblumen. Wie eine echte Prinzessin fühlte sie sich. Menschen säumten die Straße und die Kommunionkinder zogen in Reih und Glied festlich in das Gotteshaus ein. In der Hand trug Lisele ihre Kommunionkerze. Sie trat vor den Altar, schloss die Augen, öffnete ihren Mund und der Herr Pfarrer legte ihr die geweihte Hostie auf die Zunge. Verzückt verweilte Lisele mit geschlossenen Augen, erwartete erneut großartige Gefühle – und war wieder tief enttäuscht, denn nichts in ihr änderte sich. Für ihre Familie spielte sie die Rolle des verzückten Kommunionkindes, obwohl in ihrer Kinderseele keinerlei frohlockende Gefühle zu spüren waren. Sie fühlte sich betrogen. Oder stimmte etwas nicht mit ihr?

Im gleichen Jahr erhielt sie die Firmung. Ihre Firmpatin, eine Freundin der Familie, bewohnte mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen ein kleines Haus auf einem Gartengrundstück weit draußen vor Würzburg. Das Grundstück hatte ursprünglich der Oma gehört, die es nach dem Krieg günstig an das Ehepaar verkauft hatte. Oma besaß noch einen Garten, dort genoss die kleine Familie viele herrliche Sommer. Glück im Quadrat waren diese Ausflüge für Lisele! Sie liebte die wilden Spiele mit den beiden Söhnen der befreundeten Familie in der Natur, ganz das Gegenteil von der engen Stadtwohnung, in die sie keine anderen Kinder mitbringen durfte, und der Disziplin des Balletts. Hier war sie frei wie der Wind, lernte das Radfahren von den Jungen. Elisabeth raste den Abhang hinunter, wollte bremsen, doch die Bremsen funktionierten nicht. Mit einem Jubelschrei schmiss sich der Wildfang in einen rettenden Laubhaufen. Die beiden Jungen waren die einzigen Spielkameraden, beinahe wie Brüder für Elisabeth. Eine Freundschaft, die ein Leben lang halten sollte.

Der große Glücksbringer in Liseles Leben war jedoch das Ballett. Wie auf einer Wolke schwebte sie, wenn die Musik erklang. Beim Ballett holte sich Elisabeth die erste Anerkennung und das für ihre Seele so notwendige Lob. Nach der langen trostlosen Zeit im Kinderheim konnte Elisabeth endlich ihre angeborene Kreativität und Fantasie ausleben, der Funke, den sie schon immer gespürt hatte, konnte nun endlich aufglimmen. Sie strengte sich enorm an, alles perfekt zu machen, wollte unbedingt ein Lob der Ballettmeisterin. Bis zur völligen Erschöpfung bemühte sie sich, die Anerkennung stärkte ihre Seele, das erlebte Trauma durch die frühe Trennung von ihrer Familie trat in den Hintergrund.

»Wir müssen uns überlegen, auf welche Schule Elisabeth nach der vierten Klasse gehen wird. Ihre Noten sind hervorragend«, sagte Gertrud zu ihrer Mutter, als das Ende der Volksschulzeit nahte.

»Auf jeden Fall geht sie auf das Ursulinengymnasium. Das wird von Nonnen geleitet, da ist sie in besten Händen. Bloß keine Männer!«, entschied Oma Völkel und rückte energisch ihre Brille zurecht.

Männer, der Quell allen Übels, davon wollte sie Elisabeth so lange wie möglich fernhalten.

Der Schulweg war länger, der Lehrstoff anspruchsvoller. Anfangs war das Lernen weiterhin ein Klacks für das kluge Mädchen. Sie war ein Mathegenie, in Englisch fiel ihr die Rechtschreibung schwer. Die Gymnasiastin machte brav ihre Hausaufgaben, brachte weiterhin gute Noten nach Hause.

»Mutti, wenn ich groß bin, will ich auch Nonne werden«, schwärmt Elisabeth. »Meine Klassenlehrerin ist so toll!«

Jedes Jahr durften die Schulmädchen bei der großen Würzburger Fronleichnamsprozession mitgehen. Lisele liebte diese Art von pompös inszenierter Zeremonie der katholischen Kirche, zu diesem Anlass durfte sie sich etwas Neues, Eigenes zum Anziehen aussuchen. Beim Treffpunkt stellten sich die herausgeputzten Mädchen auf und verglichen, welche von ihnen dieses Jahr am schönsten gekleidet war.

Lisele schloss neue Freundschaften. Seltsam für sie war nur, dass ihre Schulkameradinnen sie stehen ließen, wenn sie erwähnte, dass sie keinen Vater hatte. In der Volksschule und im Ballett war das bislang nie ein Thema gewesen. Erstmals wurde sie mit ihrem sozialen Status als uneheliches Kind konfrontiert. In der Nonnenschule fragten ihre Mitschülerinnen ständig nach ihrem Vater.

»Mein Papa ist im Krieg gefallen«, fantasierte Elisabeth in ihrer Not.

»Du spinnst doch!«, lachten die anderen sie aus.

»Kommst du zu meiner Geburtstagsfeier?«, fragte eine Klassenkameradin.

»Oh ja, gerne!«, freute sich Elisabeth.

Ein paar Tage später kam das Mädchen in der Pause zu ihr.

»Du darfst doch nicht zu meinem Geburtstag kommen, meine Mutter hat gesagt, ich darf kein uneheliches Kind einladen. Überhaupt soll ich nicht mit dir spielen.«

Lisele fiel es wie Schuppen von den Augen: Sie war die einzige in der Klasse, die keinen Vater hatte. Omale, Mutti und Tante waren ihre Familie, in der sie sich geborgen fühlte, sie vermisste nichts. Die Klassenlehrerin fragte sie vor der ganzen Klasse nach ihrem Vater, eine zutiefst beschämende Situation für das verunsicherte Mädchen. Sie verzweifelte, wusste sich nicht mehr zu helfen.

»Mutti«, fragte sie abends im Bett, »warum habe ich keinen Vater?«

»Das ist halt so bei uns.«

Zunächst gab sich Lisele damit zufrieden. Als sie mit zwölf Jahren in der Pubertät anfing, sich dafür zu interessieren, was zwischen Mädchen und Jungs geschah, unternahm sie einen neuen Vorstoß.

»Mutti, jedes Kind hat einen Vater, was ist mit meinem?«

Entsetzt sah Elisabeth, dass ihrer Mutter Tränen in die Augen traten.

»Bitte, sag doch, wo ist er? Mag er uns nicht?«

»Elisabeth, das ist wirklich schwierig. Ich habe … Du bist … Dein Vater und ich waren nicht verheiratet, aber ich wollte so gerne einen Mann und habe gedacht, wenn ich ein Kind bekomme, heiratet er mich. Dein Vater war ein gut aussehender Mann.« Gertruds Blick wurde träumerisch. »Er war ein sehr guter Tänzer, und so charmant. Weißt du, ich hoffe immer noch, dass ich einen Mann zum Heiraten finde, damit wir eine richtige Familie sind, aber niemand will eine Frau, die schon ein Kind von einem anderen hat, schon gar nicht, wenn es ein Kind der Schande ist.«

Elisabeth fühlte sich zutiefst beschämt. Eine Schande war sie also.

Oma hielt sowieso nichts von Männern, ihr Ehemann Paul hatte ihr viel Leid beschert.

»Männer sind verachtenswert«, war ihre Devise und diese Ansicht gab sie täglich an Tochter und Enkelin weiter. Die Schande saß tief, dass ihre jungfräuliche Tochter sich einem Mann an den Hals geworfen hat. Schuld hatte natürlich nicht die Tochter, sondern der charakterlose Mann, der sie verführt hatte, so waren Männer.

»Warum wohnt dein Vater eigentlich nicht bei euch? Ihr seid eine komische Familie, das sagt auch meine Mutter.« Die Schulkameradin hatte Elisabeth schon oft mit solchen oder ähnlichen Fragen bedrängt.

»Der hat meine Mutter verlassen, als sie schwanger war«, sagte sie unglücklich.

»Dann will ich nichts mehr mit dir zu tun haben.«

Nicht nur dieses Mädchen, auch andere Klassenkameradinnen wendeten sich von Elisabeth ab. Unwürdig und minderwertig empfand das Mädchen sich, falsch, obwohl sie selbst gar nicht wusste, was sie falsch gemacht haben sollte.

Trost bot ihr nur das Ballett, der ideale Rückzugsort, Glückseligkeit auf Spitzen. Hier lebte sie ihre intuitive Kreativität aus und vergaß dabei ihren Kummer. Lisele war besessen, entflammt, fasziniert, schaute sich jede Probe an und lernte nur durch Zuschauen jede Position auswendig, selbst wenn sie den Part nicht selbst tanzte.

»Dein Bewegungsgedächtnis ist wirklich herausragend, ein wahres Geschenk.« Die Ballettmeisterin schätzte Elisabeths Bewegungsintelligenz außerordentlich. Denn wenn jemand krank wurde, sprang das talentierte Ballettmädchen ohne zeitaufwendige Probe ein.

Lisele genoss die vielen Auftritte aus tiefstem Herzen. Beim Tanzen vergaß sie die Kränkungen ihrer Schulkameradinnen. Der Höhepunkt jedes Jahr war die Aufführung eines getanzten Märchens. Als »Dornröschen« an der Reihe war, wurde die Hauptrolle der Prinzessin Aurora wieder einmal mit einem anderen Mädchen besetzt.

»Elisabeth, kann ich dich kurz sprechen«, fragte die Ballettmeisterin, als Lisele das Ballettstudio betrat.

»Unsere Solistin ist krank geworden, traust du dir zu, die Aurora zu tanzen?«

»Ja, klar!« Elisabeth strahlte. Endlich war sie am Zug!

Nach nur einer Probe beherrschte Elisabeth die Rolle fast lückenlos, wenn sie nicht weiterwusste, improvisierte sie – ein Schlüsselerlebnis. Das erste Mal erlebte sie das Gefühl, kreativ zu sein. Ganz intuitiv löste sie ein Problem, alleine aus sich heraus. Im darauf folgenden Jahr gab es eine Doppelbesetzung für die Hauptrolle, die Ballettmeisterin hatte dazugelernt. Lisele tanzte alternierend mit einem anderen Mädchen »Schneewittchen«. Sie war in der zweiten Aufführung dran. Danach kam es zum Eklat.

Viele Eltern anderer Ballettschülerinnen äußerten, dass Elisabeths Tanz um Längen besser war. Zur nächsten Probe erschien das andere Mädchen nicht, sie hatte von den Gerüchten gehört und war zu Tode gekränkt.

»Elisabeth, kannst du die anderen Aufführungen ebenfalls tanzen?«, bat die Ballettmeisterin.

Natürlich griff Elisabeth zu. Ihre Leistung hatte ihr diesen Erfolg eingebracht, niemand fragte nach ihrem sozialen Status, niemand kümmerte sich darum, es ging einzig und allein um ihr Können.

Nach der Aufführung hörten die Hänseleien der anderen Ballettmädchen wegen ihrer »hässlichen Kleidung« schlagartig auf. Endlich hatte sie sich die Anerkennung der Balletttruppe erkämpft. Diese Erfolge spornten Elisabeth an zu noch höheren Leistungen, sie legte den ganzen Ausdruck ihrer Seele in ihren Tanz.

Sie wuchs heran, die Pubertät beutelte das ehrgeizige Mädchen immer stärker. Ihr Körper war weit von einer idealen Tänzerinnenfigur entfernt, sondern war eher wie der einer Athletin gebaut, eine neue Quelle der Hänseleien der anderen Mädchen. Elisabeth begann, immer weniger zu essen, und ging viel zum Schwimmen. Im Schwimmbad lernte sie einen Jungen kennen. Mit dreizehn wurde sie von ihm zum ersten Mal geküsst, neue Gefühlswelten taten sich auf. Stolz erzählte sie davon in der Schule. Sie war die Erste in der Klasse, die anderen bewunderten sie dafür, aber zuhause begann der große Ärger.

»Sexueller Kontakt mit Jungen bringt so etwas wie dich hervor«, bekam sie jeden Tag zu hören. »Geschlechtsverkehr mit einem Mann bringt nichts als Unglück über ein Mädchen, das siehst du an dir!«

Jeden Abend impfte die Mutter ihr ein, dass es das Schlimmste sei, ein uneheliches Kind zu bekommen.

Oma verbot aus religiösen Gründen jegliche Empfängnisverhütung. »Das macht ein gut erzogenes katholisches Mädchen nicht! Mach mir bloß nicht die gleiche Schande wie deine Mutter!«

Tag für Tag bekam Elisabeth das und Schlimmeres zu hören, vor allem von der Oma. Kam sie nur zwei Minuten zu spät nach Hause, prasselten Vorwürfe und Verbote auf sie ein.

»Aus dir kann nie etwas werden, du bist genauso schlimm wie der Junge der Nachbarin, die von Sozialhilfe lebt!«

Elisabeth fühlte sich unwürdig, dreckig, wie ein Abschaum der Gesellschaft. Fast jeden Tag bläute die Mutter ihr das ein: »Wenn du nur einmal Sex machst, kommt jemand vom Jugendamt und holt dich, dann wirst du in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche gesteckt!«

Gertrud Völkels Angst war nachvollziehbar, denn bis 1969 hatte nicht sie selbst das Sorgerecht für ihre uneheliche Tochter gehabt, sondern das Jugendamt.

Wieder einmal weinte Lisele nachts zusammengekrümmt unter der Bettdecke. Sie war verzweifelt, verstand die Welt nicht mehr. Wie jeder junge Mensch sehnte sie sich nach Liebe, das konnte doch nicht schlecht sein.

Zu diesem Zeitpunkt erfuhr Elisabeth, warum sie ihre ersten sechs Lebensjahre im Kinderheim hatte verbringen müssen, dass sie versteckt worden, der Schandfleck der Familie gewesen und noch immer war. Anscheinend litten alle unter ihrem Dasein. Immer wieder brach es aus Elisabeth heraus, ohne dass sie sich wehren konnte – sie legte sich auf ihr Bett und schrie ihre ganze Wut auf diese ungerechte Gesellschaft aus sich heraus. Oma und Mutter waren entsetzt, wussten sich nicht zu helfen. Ratlos standen sie neben dem Bett und flehten Lisele an zu sagen, warum sie so schrie. Doch sie wollte nicht, konnte nicht, tiefer Schmerz beutelte ihren Körper und ihre Seele. Das Trauma aus dem Kinderheim brach durch.

Mitten in diesem Gefühlschaos stürzte Tante Franziska und brach sich den Oberschenkel. Mit einem Gipsbein lag sie daheim im Bett und konnte sich nicht rühren. Als Elisabeth eines Tages von der Schule kam, stand Oma weinend in der Tür.

»Das Tantele ist tot!«

Die Großtante war plötzlich an einer Embolie aufgrund einer Thrombose gestorben. Elisabeth war entsetzt, weinte fassungslos, obwohl sie Tante Franziska nicht hatte leiden können. Der Tod der alten Frau schockierte sie zutiefst. Die Angst, verlassen zu werden, kam hoch, unbewusste Erinnerungen an ihre früheste Zeit im Heim. Noch Jahre nach dem plötzlichen Tod der Großtante hatte sie große Angst, dass ihre Mutti oder ihr Omale tot sein könnten, wenn sie nach Hause kam. Die Angst, die wichtigsten Menschen in ihrem Leben zu verlieren, raubte ihr jahrelang fast den Verstand. Zudem war durch den Tod der Tante die finanzielle Sicherheit der Familie ins Wanken geraten. Die Familie war sehr arm, die kleine Witwenrente von Oma und der klägliche Kontoristinnenlohn der Mutter reichten gerade für das Nötigste. Völkels besaßen keinen Fernseher, geschweige denn ein Auto, und fuhren nie in Urlaub.

Gertrud verreiste hin und wieder alleine, vielleicht mit einem Mann oder um sich einen zu angeln. Darüber redete die Mutter nie mit ihrer Tochter. Abends sprach Gertrud im Bett von dem unerfüllten Traum, dass sie sich einen Mann wünschte, der sie heiratete und sie endlich als Ehefrau mit eigenen Kindern und Elisabeth von der scheinheiligen Gesellschaft geachtet werden würde.

»Weißt du, es ist sehr schwer für mich, ständig unter der harten Fuchtel von Oma Anna zu leben, die mich ständig als unwürdige Tochter abkanzelt.«

Elisabeth registrierte für sich aus diesen Gesprächen, dass es das Wichtigste für eine Frau war, zu heiraten. Scheinbar hob erst ein Ehemann eine Frau in den Stand der Ehre, machte ein vollständiges Wesen aus ihr. Elisabeth legte immer mehr Wert auf ihr Äußeres, um sich so bald wie möglich einen solchen Mann an Land zu ziehen.

Im Sommer setzte sie alles daran, knackig braun zu sein, ihr athletischer Körper wirkte dadurch attraktiver, fand sie. Sie glaubte, von den Jungs nur gebräunt als die Schönste wahrgenommen zu werden und die Mädchen aus »ordentlichen« Familien damit zu übertrumpfen. Jede freie Minute verbrachte sie im Freibad und wurde dunkelbraun – zum Entsetzen von Oma und Mutti.

In der Ballettschule fand ein Generationswechsel statt – die Tochter der Inhaberin übernahm die Leitung, der Ballett­unterricht wurde moderner, die Faschingsbälle gestrichen. Die junge Ballettmeisterin baute den Kontakt zum Stadttheater Würzburg auf. Jetzt fand der Unterricht im Ballettsaal des neu erbauten Theaters statt. Die Elevinnen galten als offizielles Kinderballett des Theaters. Sie unterstützten das Ensemble des Theaters bei Ballettabenden, traten als Statisten in Oper, Operette und Schauspiel auf.

Glückselig tauchte Elisabeth in eine völlig unbekannte Welt ein. Mit einem Mal bekam sie Geld für das, was sie am meisten liebte, nämlich künstlerisch aktiv sein und sich zur Musik bewegen. Mit vierzehn Jahren verdiente sie als Statistin ihr erstes eigenes Geld, über das sie verfügen durfte. Taschengeld hatte sie nie bekommen, auf neue Stiefel oder einen Wintermantel musste immer gespart werden. Jetzt kaufte sich Elisabeth ab und zu ein Kleidungsstück nach ihrem Geschmack. Sie genoss die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie sie sich kleidete.

In dieser Zeit wurde das Theater zu Elisabeths Zufluchtsort und bot ihr eine Traumwelt, in die sie vor der harten Realität in der Schule und zu Hause flüchten konnte. In diesem kreativen Umfeld, mit homosexuellen und freidenkenden Menschen, war ihre Unehelichkeit völlig egal. Was einzig zählte, war die künstlerische Leistung und Bühnenpräsenz. Umso bitterer war es für die vierzehnjährige Elisabeth, als ihr großer Traum zerschlagen wurde.

»Du musst den Tatsachen ins Auge sehen. Bei all deinem Elan und deiner Ausdruckskraft hast du mit deinem Körperbau einfach keine Chance, eine Ballerina zu werden.« Die Ballettmeisterin nahm kein Blatt vor den Mund. »Deine Sehnen sind viel zu kurz und zu fest, du bist nicht elastisch genug. Mit viel Glück reicht es vielleicht für eine Gruppentänzerin in der letzten Reihe.«

Weinend rannte Elisabeth hinaus. Zuhause erzählte sie den Vorfall nur beiläufig, es tat viel zu weh. Elisabeth konnte nur rational an die Sache gehen. Für die letzte Reihe war sie nicht geboren, das war ihr zu viel Plackerei für so wenig Anerkennung.

»Mutti, ich höre auf mit Ballettunterricht.«

»Kommt nicht in Frage, wir haben schließlich für das ganze Schuljahr bezahlt! So eine Verschwendung dulde ich nicht.«

Widerwillig machte Elisabeth weiter. Das Theater engagierte sie wegen ihrer Schönheit und Bühnensicherheit oft als Statistin in Opern und Operetten und Elisabeth stellte fest, dass es ihr auch Spaß machte, Ballett als Hobby zu betreiben, außerdem verdiente sie mit den Statistenengagements Geld. Noch war die Idee, statt Tänzerin Musikerin zu werden, in weiter Ferne. Wohl nahm sie brav Klavierunterricht bei ihrer Mutter, übte regelmäßig, aber sie bemühte sich wenig. Sie spielte jährlich am Tag der Hausmusik im Gymnasium beim Schülerkonzert auf dem Klavier vor, überwältigend gut war sie jedoch nicht. Verglichen mit Theater und Ballett war das Musizieren für Elisabeth kalter Kaffee

 

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Textprobe: Yngra Wieland

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